Liebe Pfarrgemeinde,
ein Wirbel von Farben, ineinander verfließend, in einem Augenblick der Bewegung festgehalten und zum Bild geronnen. Vergeblich sucht der Betrachter in dem Spiel von Zufall und Intuition, das der Künstler auf seinem Malgrund inszeniert, nach wieder erkennbarer Form und Gestalt, die es ihm erlauben würde, das Bild zu „lesen“. Denn dazu wird er aufgefordert: „Message“, also „Botschaft“ oder „Nachricht, dieses Wort ist mit ins Bild gesetzt, scheint sich aus zunächst unleserlicher Schrift herauszubilden und provoziert, etwas entschlüsseln zu wollen, wo das Auge doch nur (scheinbar) zufällige Farbverläufe und strukturen erkennen kann.
Was ich hier zu beschreiben versuche, ist eines der Bilder des Malers Helmut Eichhorn, die in der Fasten- und Osterzeit für einige Wochen in der Pankratiuskapelle im Kreuzgang von St. Stephan zu sehen sein werden.
Es gibt zu denken, wirft Fragen auf: Ist so nicht manchmal auch mein Leben? Wie eine Flut von Eindrücken und Erlebnissen, ineinander übergehend und einander überlagernd, in denen ich mich aufgerufen fühle, nach Sinnspuren zu suchen, ohne sie immer entdecken zu können.
Was ist der Anruf des Tages? Der Anspruch, der vielleicht in dieser Fügung meines Lebens liegt, in jener Begegnung, der ich nicht ausweichen kann?
Keiner möchte sein Leben einfach so dahinleben. Wir wollen es verstehen, um das Richtige tun zu können. Und doch bleibt uns vieles rätselhaft und unverständlich.
Wir fragen uns als gläubige Menschen, was Gott uns sagen will in dem, was uns widerfährt. Und doch fällt es uns oft schwer, seine Handschrift darin zu entziffern, bleibt uns der Sinn oft verschlossen.
„Wenn ich jetzt sterben müsste“, schreibt resigniert Kurt Tucholsky, „würde ich sagen: „Das war alles?“ Und: „Ich habe es nicht richtig verstanden.“ Und: „Es war ein bisschen laut.“
Im letzten Buch des Neuen Testamentes, der Offenbarung des Johannes, sieht der Seher auf Patmos in einer Vision „eine Buchrolle; sie war innen und außen beschrieben und mit sieben Siegeln versiegelt.“ Und niemand, weder ein Engel noch ein Mensch, vermag es, das Buch zu öffnen. „Da weinte ich, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen und es zu lesen.“
Das Buch der Welt und des Lebens - ein „Buch mit sieben Siegeln“?
Bleibt es dabei: dass dieses Leben uns ein dunkles Geheimnis ist, dass sein Sinn, nach dem wir nicht aufhören können zu fragen, sich uns verschließt?
In seiner Vision sieht Johannes ein Lamm. „Es sah aus wie geschlachtet (. . .). Das Lamm trat heran und empfing das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.“ Es wird ihm ein Lied gesungen: „Würdig bist du, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen . . .“.
Das geschlachtete Lamm, das Lamm Gottes, Christus, der sich dem Dunkel, das wie sieben Siegel den Sinn der Welt und des Lebens verschließt, ausliefert, öffnet das Buch des Lebens und macht es lesbar. Sein Sinn offenbart sich durch den, der sich aus Liebe zu Gott und den Menschen ganz hingegeben hat:
Das Geheimnis am Grund unseres Lebens, das, was die Welt im Innersten zusammenhält, ist die Liebe. Und der beginnt das Buch des Lebens zu verstehen, seinen verborgenen Sinn zu entziffern, der die Grammatik der Liebe (auch wenn sie unserem rechnenden Denken und unserer Alltagsvernunft oft wie die einer Fremdsprache erscheint) versucht zu erlernen.
Wenn wir dann sterben müssen, werden wir vielleicht wie Tucholsky sagen: „Das war alles?“ Und: „Ich habe es nicht richtig verstanden.“ Aber vielleicht auch: „Ich hatte doch gerade erst angefangen…“. Dann wird, das ist meine Hoffnung, Gott selbst, der die Liebe ist, uns erkennen lassen, dass wir in dem, was wir aus Liebe begonnen haben, ohne es zu wissen schon alles verstanden hatten.
In Helmut Eichhorns Bild ist (was unsere Reproduktion hier im „Stephanus“ nicht wiedergeben kann) die Farbe Rot, die Farbe der Hingabe und der Liebe, das geheime Kraftzentrum, das ausstrahlt und auch in den dunklen Farbfeldern noch in Spuren leuchtet.
Dass sie stärker ist als alles Dunkel und stärker auch noch als der Tod das ist das Geheimnis der Liebe, das wir an Ostern versuchen uns zu erschließen, indem wir es miteinander feiern.
Ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen
Ihr
Pfarrer Stefan Schäfer
Die Ausstellung
„Spuren“
mit Bildern von Helmut Eichhorn
ist in der Zeit
vom 18. März bis zum 22. April
in der Pankratiuskapelle
im Kreuzgang von St. Stephan
zu sehen.
Vernissage: Sonntag, 18.3., 15.00h
Abschluss : Sonntag, 22.4., 17.00h
im Rahmen eines Gebetsgottesdienstes
in unserer Reihe
„Spurensuche“